Wolf-Dieter Storl über Natur in der Stadt

May 18, 2018

Der Ethnobotaniker Dr. Wolf-Dieter Storl sinniert anlässlich des neuen Buches "Biophilia in der Stadt" von Clemens G. Arvay über die Natur in unseren Städten.

 

Ein Zwiegespräch mit der Natur in der Stadt

 

 

Mit seinem Buch "Biophilia in der Stadt - Wie wir die Heilkraft der Natur in unsere Städte bringen" hat Clemens Arvay unsere moderne, urbane Zivilisation wieder mit der Natur versöhnt. Unter Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse dekonstruiert er die Trennlinie zwischen Stadt und Natur. Auch aus meiner Sicht stellen Stadt und Land keine wirklichen Polaritäten dar, ebenso wenig wie Nutzpflanzen und "Unkräuter".  Diese Gegenüberstellungen spiegeln nicht die Realität wider. Sie existieren vor allem als Denkstruktur in unseren Köpfen. Die urbane Welt, die Stadt, ist genauso ein Naturraum wie eine Wüste, ein Garten, ein Forst, ein Wald, ein See oder eine entlegene Bergeshöhe. Überall leben Pflanzen und Tiere, die an ihre spezifische Mitwelt bestens angepasst sind. Arvays Buch zeigt auf, wie viele solcher Naturjuwelen sich vor den Haustüren der Stadtbewohner verbergen. Der Autor stellt eine Vielzahl an Stadtwäldern im deutschen Sprachraum und aus fernen Regionen vor und beschreibt, welche Pflanzen und Tiere man dort finden kann. Waldbaden in der Stadt ist jederzeit möglich – auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln!

 

Oft werde ich von Organisationen dazu eingeladen, einen Workshop, ein Seminar oder eine Pflanzenwanderung durchzuführen. Die Veranstalter schildern mir dann voller Begeisterung, dass sich der Ort auf dem Land befindet, weit abseits irgendeiner Stadt. Meistens bin ich dann eher enttäuscht, denn die vermeintliche ländliche Idylle entpuppt sich oft als ökologisch verarmt. Mal ist es intensiv bewirtschaftetes Ackerland mit Maismonokulturen, wo Glyphosat und andere Agrarchemikalien die Begleitkräuter ausgemerzt haben und wo bis an den Rand der asphaltierten Straße gepflügt wurde. Ein andermal hat man es mit güllebelasteten, monotonen Grünflächen zu tun, wo höchstens noch Löwenzahn und Stumpfblättriger Ampfer als "Unkräuter" gedeihen. Und der angebliche Wald, der an die Weide oder das Feld grenzt, stellt sich oft als ein verarmter Fichtenforst heraus. Da halte ich meine Wildpflanzen- und Kräuterexkursionen doch lieber in der Stadt.  

 

Städte bestehen aus vielen verschiedenen, heterogenen Mini-Biotopen: Hinterhöfe, Schutthalden, stillgelegte Bahngleise, verlassene Schrebergärten, Grünanlagen, Friedhöfe und ähnliche Areale, die sich als Standorte oder Rückzugsgebiete für Pflanzen und Tiere eignen. Wegen Staub, Abgasen und dem Wärmespeichervermögen der Gebäude sind urbane Ballungsgebiete im Durchschnitt mehrere Grad wärmer als das umliegende Land. Die für Großstädte typische Dunstglocke ermöglicht es Fauna und Flora, darunter viele Neophyten aus südlicheren Regionen, zu gedeihen. In den Häuserschluchten Stuttgarts überleben zum Beispiel seit 25 Jahren Gelbkopfamazone den Winter und vermehren sich gut. Das ist eine Papageienart. In ihrer mittelamerikanischen Heimat sollen sie vom Aussterben bedroht sein. Auch wärmeliebende Pflanzen, die man kaum im ländlichen Raum finden würde, wie zum Beispiel das Bilsenkraut, die Mäusegerste, der Sommerflieder, der Götterbaum aus China und das Franzosenkraut aus Peru, gedeihen neben selten gewordenen einheimischen Kräutern in städtischen Ökosystemen. Zahlreiche dieser Pflanzen bieten Insekten und Vögeln Nahrung. Viele sind pflanzentherapeutisch wirksam - vorausgesetzt man sammelt sie an sauberen Orten, etwa in Hinterhöfen, wo Hunde sie nicht »düngen«. Clemens Arvay beschreibt viele dieser „urbanophilen" Heilpflanzen, die wild in unseren Städten wachsen, und belegt deren Wirkungen anhand wissenschaftlicher Studien.

 

 

Wenn man sich nicht von Schaufensterauslagen, Werbetafeln, der Modekleidung der Passanten oder den Autos als Statussymbolen ablenken lässt und seine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Kräutlein zwischen den Gehplatten, dem Gebüsch, den Topfpflanzen und Stadtbäumen richtet, dann bietet die Stadt interessante Naturerlebnisse. Da sieht man etwa in den Mauerritzen leuchtend gelb blühendes Schöllkraut oder den rosa blühenden Storchenschnabel – und dann weiß man, dass es Ameisen waren, welche die mit einem süßen, eiweißhaltigen Anhängsel versehenen Samen dorthin verschleppt haben. Oder, keck aus dem harten Beton hervorbrechend, entdeckt man ein zartes, hellgrünes Löwenzahnpflänzchen. Wenn das nicht Mut macht! Schon Lao Tse sagte, das Leben ist stärker als das Starre und Verhärtete. Hier und da entdeckt man einen schillernden Käfer, eine Raupe oder eine seltene Blume. Und Eichhörnchen, ein freches Spatzenpaar oder kluge Krähen können uns gut unterhalten. So wird ein Spaziergang in der Stadt oder Ausflug in den nächsten Stadtwald zu einem Zwiegespräch mit der Natur, zu einem Erlebnis der echten "Biophilia"!

 

Das Buch "Biophilia in der Stadt" von Clemens G. Arvay öffnet Stadtbewohnern die Augen für die Natur in ihren Lebensräumen – und für eine Zukunft, in der wir Pflanzen und Tieren noch mehr Raum in unseren Metropolen geben werden.

 

Über den Autor dieses Beitrags:

 

Dr. Wolf-Dieter Storl ist ein deutsch-amerikanischer Kulturanthropologe und Buchautor. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Ethnobotanik. Storl war als Dozent an der Kent State Universität in Ohio, am Sheridan College in Wyoming sowie an der Universität Bern tätig. Heute lebt er mit seiner Familie zurückgezogen auf einem alten Gehöft im Allgäu.

 

Die Fotos zeigen Dr. Wolf-Dieter Storl und Clemens G. Arvay im Herbst 2017 in der Dresdner Heide, etwa in der geographischen Mitte der Stadt.

 

 

Das besprochene Buch:

 

 

Clemens G. Arvay
BIOPHILIA IN DER STADT -

Wie wir die Heilkraft der Natur in unsere Städte bringen

 

mit einem Vorwort von Gerald Hüther

 

Goldmann Verlag, 2018
ISBN: 978-3442314829

356 Seiten

 

überall im Buchhandel erhältlich

 

 

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Clemens G. Arvay, biologist and author

photos: Lukas Beck

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