Der Garten in der Innenstadt

May 14, 2018

Der Psychologe Dr. Alois Kogler über das Buch "Biophilia in der Stadt" von Clemens G. Arvay.

 

 

"Biophilia in der Stadt - Wie wir die Heilkraft der Natur in unsere Städte bringen", das neue Buch von Clemens G. Arvay, macht uns Leserinnen und Leser reicher. Mit seiner Fülle an Daten und Fakten wird es zum Standardwerk für die zukunftsfähige Stadtplanung werden. Besonders gut gefällt mir, dass Arvay den Menschen, die das Buch lesen, umfassende Nahrung zum Denken, Fühlen und Handeln gibt. Dadurch werden auch Bürgerinitiativen, die unsere Städte grüner machen möchten, konkrete Ratschläge finden. Die meisten Psychologen werden sich vor allem für die in diesem Buch dargelegten Forschungsergebnisse über die Wirkung der Natur bei Depression und anderen psychischen Erkrankungen interessieren. Auch die gesunden Bodenbakterien, die über den Darm und das Immunsystem positiv auf unsere mentale Gesundheit wirken, sind für uns Psychologen relevant. Der Autor bezeichnet sie in seinem Buch als "Biophilia-Bakterien".

Außerdem lernen wir beim Lesen zahlreiche Städte mit ihren grünen Seiten näher kennen: Oslo, London, Zagreb, Zürich, Wien, Berlin, Màlaga, New York, Sydney, Tokio und viele andere. Überall finden sich bereits heute "Biophilia-Korridore", wie Arvay sie nennt, die uns entspannen und gesund machen. "Biophilia" sollte sich als Überbegriff für alle medizinischen, psychologischen, biologischen und städteplanerischen Forschungen etablieren. Und Wortschöpfungen des Autors wie "heilsames Trio des Waldes", "Wasserfall-Plasma" oder "Waldluftapotheke" ermöglichen neue Sichtweisen auf die Natur und unsere Beziehung zu ihr.

 

Vor allem bei den Schilderungen über die Biophilia-Korridore habe ich mich in diesem Buch wiedergefunden. Denn eigentlich lebe ich schon heute in einem! In unserem Garten in Graz ist immer etwas los. Er liegt mitten in der Innenstadt an der Mur. Das ist der circa 80 Meter breite Fluss, der durch das Grazer Zentrum fließt. Täglich kommen Läufer, Radfahrer oder Spaziergänger vorbei, Verkehrsgeräusche von den umliegenden Straßen und der Straßenbahn schwingen 24 Stunden pro Tag als "Hintergrundmelodie" durch den Garten und die Wohnung. Das lang gezogene, schmale Grundstück umgibt das siebenstöckige Siedlungsgebäude auf drei Seiten. Auf 450 Quadratmetern Grünfläche wachsen einige Sträucher und Pflanzen sowie zwei alte, standhafte Kastanienbäume. Der dicht mit Efeu bewachsene Zaun bildet einen Sichtschutz zur Straße und zum unmittelbar angrenzenden Gehsteig. Das ist sozusagen unser "vertikaler Garten", wenn auch kein sehr hoher.

Nach vorne zum Radweg an der Mur und seitlich zu den Nachbarn haben wir die Sicht freigehalten. Der Garten ist also teilweise abgegrenzt, aber verbindet zugleich. Freunde fahren mit dem Fahrrad vorbei, sehen meine Frau oder mich im Garten, rufen herein und kommen auf einen Tee oder ein Glas Wein. Im Herbst fallen die Kastanien auf die Dächer der parkenden Autos. Der Fluss gibt beständig und mächtig den beruhigenden Hintergrundrhythmus vor. Wir sind dadurch – mitten in der Innenstadt! – an die Rhythmen der Natur angeschlossen. Meine Frau und ich, beide Psychologen, sitzen oft an dieser Schnittstelle zwischen Stadt, Garten und Haus, also in unserem "Biophilia-Korridor". Es tut uns gut, dass es bei uns zuhause keine strikte Grenze zwischen "drinnen" und "draußen", zwischen Stadt und Natur gibt.

 

In unseren Gesprächen, die Clemens Arvay und ich über urbane Ökosysteme führten, wurde mir klar, dass gerade in der Stadt das Wechselspiel von Natur und Kultur organisch weiterentwickelt werden kann und sogar muss. Wie in unserem Zentralnervensystem interagieren Menschen, Pflanzen, Tiere, Stadtwälder, Parks, Straßen, Verkehrszeichen, Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten sowie gesellschaftliche Macht- und Regelungsstrukturen miteinander. Der Entwicklungsprozess der Regulierung und Selbstorganisation der Stadt ähnelt der ständigen Neubildung und Neustrukturierung von Zellen und Nervensträngen. Unser Garten in Graz ist nur eines dieser Millionen Neuronen der Stadt, die miteinander kommunizieren – voneinander abgegrenzt und doch vielfach miteinander verbunden. Die von Arvay vorgeschlagenen Biophilia-Korridore werden in Zukunft mehr soziale Verbindungen schaffen, sofern wir sie offen gestalten. Ist es nicht die Aufgabe des Menschen, über Grenzen hinauszusehen, kreativ zu sein und offen für Neues? Und das im Einklang mit der Natur und ihrer kontinuierlichen Neuschöpfung. Ja, es ist unsere Aufgabe! Entwickeln wir mit den Vorschlägen aus dem Buch "Biophilia in der Stadt" das Stadtgarten-Neuron in eine biophile Richtung weiter! Clemens Arvay hat eine starke Vision vorgelegt, wie wir Menschen unser Leben in den Städten umwandeln und eigeninitiativ verändern werden. Denn die Gestaltung der Zukunft braucht ein neues Denken.

 

Über den Autor dieses Beitrags:

 

Dr. Alois Kogler, hier an der Mur direkt vor seiner Wohnung in der Grazer Innenstadt zu sehen, ist Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe sowie Psychotherapeut in Österreich. Er leitet das Institut für Psychosomatik und Verhaltenstherapie in Graz und ist Lektor am Institut für Psychologie der Karl-Franzens-Universität. Kogler ist Autor mehrerer Lehrbücher für Verhaltenstherapie und Sportpsychologie.

www.psychosomatik.at, www.eco-life.at, www.teamspirit.at

 

 

 

 

Clemens G. Arvay
BIOPHILIA IN DER STADT -

Wie wir die Heilkraft der Natur in unsere Städte bringen

 

mit einem Vorwort von Gerald Hüther

 

Goldmann Verlag, 2018
ISBN: 978-3442314829

356 Seiten

 

überall im Buchhandel erhältlich

 

 

 

 

 

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Clemens G. Arvay, biologist and author

photos: Lukas Beck

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