Die Verwilderung der Stadt

June 28, 2018

Prof. Marc Bekoff, Evolutionsbiologe an der Universität von Colorado und Forschungspartner von Jane Goodall, schreibt über Clemens G. Arvays neues Buch.

 

Clemens Arvays Buch "Biophilia in der Stadt" ist eine detaillierte, zukunftsweisende Präsentation der Möglichkeiten, sogar für unsere größten Städte eine ökologische Zukunft zu erschaffen. Wir Menschen – invasive Säugetiere mit großen Gehirnen und Füßen, überproduzierend und überkonsumierend – haben uns lange so verhalten, als wären wir die einzige Lebensform, die zählt. Wir haben ein riesiges und schreckliches globales Durcheinander geschaffen, haben jeden Lebensraum, jedes Ökosystem und jede andere Spezies beeinträchtigt. Das muss aufhören und wieder in Ordnung gebracht werden. Niemand weiß wirklich, wieviel von dem ökologischen Schaden, den wir verursacht haben, für immer irreversibel bleiben wird. Aber wenn wir jetzt nichts verändern, werden wir mit Sicherheit in der Sackgasse der Selbstzerstörung enden.

 

So wie Clemens Arvay fordere auch ich mit Nachdruck einen biophilen Wandel unserer Gesellschaft und unserer Städteplanung. Ich nenne unsere Wiedervereinigung mit der Natur »Verwilderung« – in einem positiven Sinn. In der grundlegendsten Bedeutung steht »verwildern« für »wieder ursprünglich werden«. Das heißt vor allem, dass wir unsere Herzen auch für andere Spezies öffnen und ihre Bedürfnisse und Perspektiven in unserem Handeln berücksichtigen. Vor langer Zeit bin ich zu der Auffassung gekommen, dass wir die Tiere und die Natur achten und Wege des Mitgefühls und der Co-Existenz mit anderen Lebensformen finden sollten. Dazu müssen wir aufhören, die Erde und ihre Ressourcen durch unseren maßlosen Konsum zu zerstören – nur für unser unersättliches Streben nach wirtschaftlichem Wachstum und technologischem »Fortschritt«.

 

Unsere Städte sind nicht nur Ansammlungen von Menschen. In ihnen sammeln sich auch Schadstoffe und Gifte mit schädlichen Wirkungen auf Lebewesen – auf Pflanzen, Tiere und auf uns selbst. Auch unsere gegenwärtige Architektur ist überhaupt nicht biophil. Toronto wurde weltweit als eine der tödlichsten Städte für Vögel identifiziert. Mehrere Millionen Vögel sterben jedes Jahr durch den Aufprall an Gebäuden im Raum Toronto. Hundert Millionen bis eine Milliarde Vögel verenden jährlich durch die Kollision mit Glasfenstern in den Vereinigten Staaten von Amerika. Der deutsche Naturschutzbund (NABU) schätzt, dass in Deutschland hundert Millionen Wildvögel Jahr für Jahr auf diese Weise sterben. Es ist auch bekannt, dass »Lichtverschmutzung« durch Reklamen und künstliches Stadtlicht den Biorhythmus von Wildtieren stört oder dass Lärm es beispielsweise Fledermäusen schwer macht, die Bewegungen ihrer Beutetiere zu hören, was zu Mangelernährung bis hin zum Verhungern führen kann. Das waren nur ein paar Beispiele dafür, wie unsere Städte nicht nur die Gesundheit ihrer menschlichen Bewohner verschlechtern, sondern auch die Gesundheit der Wildtiere, die in der Stadt leben. Wenn wir im Zusammenhang mit Städten auch das Leben der Tiere berücksichtigen möchten, sollten wir uns wieder mit verschiedenen Aspekten der Natur verbinden und im Herzen wieder »wild« werden.

 

Bis vor kurzem – und für 35 Jahre – lebte ich in den Bergen am Stadtrand von Boulder in Colorado. Ich fühlte mich immer gesegnet, unter so vielen großartigen und neugierigen Tieren leben zu dürfen. Ich erinnere mich daran, wie ich eines Morgens arbeitete und ein Rotfuchs vor mein Bürofenster lief, stehen blieb, hereinschaute und dann davon trottete. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf ein Streifenhörnchen, das sich auf einem Felsen niedergelassen hatte. Aber er schien einzusehen, dass sich die Jagd auf dieses kleine Nagetier nicht auszahlte. Es war nur ein Häppchen, zu klein, zu schnell, und mit zu wenig Kalorien, um den Aufwand zu rechtfertigen. Dieser männliche Fuchs besuchte mich danach oft und ich erkannte ihn immer. Er hatte eine dunkle Stelle an seiner linken Hüfte. Ich fragte mich jedes Mal, was er wohl über mich dachte. Er hatte keine Angst vor mir, genauso wenig wie ich vor ihm. Gelegentlich ging ich hinaus und er näherte sich mir auf einige Meter, um sich vor mich hinzusetzen. Ich sprach oft zu ihm. Er saß nur da, hörte geduldig zu und bewegte seinen Schwanz am Boden langsam vor und zurück. Eines Tages drehte er sich auf den Rücken, als würde er mich auffordern, ihm den Bauch zu reiben. Natürlich hätte ich das niemals getan. Der Fuchs war nicht mein Haustier und es hätte nichts Gutes in sein Leben gebracht, von mir gezähmt zu werden. Er und die vielen anderen Tiere in den Bergen zauberten immer ein Lächeln in mein Gesicht, aber ich vergaß nie, dass dieser Ort zuerst ihr Zuhause war, lange bevor ich dorthin kam. Und ich hoffe, es ist mir gelungen, mich auf eine Weise zu verhalten, die ihr Zuhause respektierte und zu einem sicheren und friedlichen Ort für sie machte.

Ich denke gerne an mein Heim in den Bergen, so nahe an der Stadt, und an die wunderschöne Landschaft, die mich dort umgab. Sie war mein friedvolles Reich, in dem ich eine innige, mitfühlende Co-Existenz mit der Natur pflegte. Es gibt nichts Besseres als ein friedliches Zuhause. Auch Tiere möchten in Frieden und Sicherheit leben – genau wie wir. Wir sollten in unseren Städten Wege des Mitgefühls und Zusammenlebens mit ihnen finden. Niemals sollten wir darauf vergessen, dass sie da sind und die Stadt mit uns teilen. Biophilie Städte brauchen mehr Naturflächen und wir sollten geeignete Maßnahmen ergreifen, das Leben von Wildtieren vor schädlichen Einflüssen durch die Menschheit zu schützen. Auch das menschliche Wohlbefinden und die menschliche Gesundheit werden durch Kontakt zu Natur gefördert, wie Clemens Arvay in diesem Buch sachkundig belegt hat. Daher sollten wir unsere Bemühungen ausweiten, mehr Natur in die Städte zu integrieren.

 

Es ist keinesfalls mehr eine Option, die Natur zu ignorieren. Uns Menschen ist es angeboren, dass wir uns von der natürlichen Welt angezogen fühlen. Diese Verbindung steckt in unseren Genen. Das Konzept der biophilen Stadt, das Clemens Arvay vorschlägt, macht es Stadtbewohnern möglich, die Vorteile der Natur zu nutzen und zu genießen – körperlich sowie psychisch – und ihre Herzen wieder an die Wildnis heranzuführen. Und dazu müssen wir unsere Städte »verwildern« lassen.

 

Univ.-Prof. Dr. Marc Bekoff ist ein emeritierter Professor für Evolutionsbiologie an der Universität von Colorado in Boulder. Er gründete gemeinsam mit der Primatologin Jane Goodall die Organisation »Ethologists for the Ethical Treatment of Animals« (Verhaltensforscher für einen ethischen Umgang mit Tieren). Bekoff ist als Universitätslektor international tätig und schreibt regelmäßig für das Magazin »Psychology Today«.

 

 

Clemens G. Arvay
BIOPHILIA IN DER STADT -

Wie wir die Heilkraft der Natur in unsere Städte bringen

 

mit einem Vorwort von Gerald Hüther

 

Goldmann Verlag, 2018
ISBN: 978-3442314829

356 Seiten

 

überall im Buchhandel erhältlich

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Clemens G. Arvay, biologist and author

photos: Lukas Beck

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